Nepal im Fieber! 30.03.2008

Gestern war ich bei einer jungen alleinstehenden Mutter von drei Söhnen nach Hause eingeladen. Sie putzt in meinem Hotel hier in Kathmandu die Zimmer. So ein Besuch ist etwas völlig Unübliches hier in Nepal und ziemlich anstößig. Dementsprechend wurde sie und auch ich von den Nachbarn angeschaut. Als ich den winzigen Holzverschlag betrat, in dem sie wohnte, wollte ich es kaum glauben. Unmöglich konnten hier vier Menschen leben! Und doch war es so. Alles spielte sich auf dem Boden ab, oder in einem grossen Bett. Dort drin lag ihr Jüngster (3) und hatte hohes Fieber. Das war also der Grund, weshalb ich hier war. Sie hatte meinen großen Medizinkoffer auf meinem Zimmer gesehen.

Für mich war dieser Anblick schlimmer Armut bei einer Mutter, die immerhin einen Job hat, ein Sinnbild für das ganze Land. Denn derzeit plagt sich Nepal gleich mit einer Reihe von Problemen, von denen die drückende Armut nur eines ist! Die Wahlen stehen vor der Tür mit ungewissem Ausgang. Auch hier ist die Gefahr groß, das der eine den anderen des Betrugs bezichtigt, wenn der Wahlausgang nicht seinen Vorstellungen entspricht. Und die Maoisten sind nicht zimperlich. Viele hier in Nepal wissen um diese Gefahr.

Die Probleme in Tibet betreffen auch die Nepalesen ganz direkt. Es gibt viele Tibeter in Nepal. Auch in Kathmandu wurde gegen die chinesische Politik demonstriert, es gab Unruhen und Festnahmen. In Namche Basar zum Beispiel sind unter den etwa 150 Tibetern, die in oder um den Ort leben, viele meiner engsten Bekannten. Mit Beginn der Aufstände haben sie begonnen, die letzten fünf Stunden eines jeden Tages für ihre in Tibet gebliebenen Freunde und Verwandten zu beten. Sie tun das wirklich Tag für Tag und das nun schon seit Wochen.

Unter ihrer Flagge versammeln sich jeden Tag alle Mitglieder der tibetischen Gemeinde in Namche Basar.

Die Sperrung des Everest war auch so ein Ereignis, um das es ein wochenlanges Tauziehen gab und welches Nepal vor ganz erhebliche Probleme gestellt hat. China wollte dieses Jahr offensichtlich den gesamten Berg für sich haben. Zuerst sah es so aus, dass es sich auch durchsetzen würde. Die Climbing-Sherpas im Khumbu wären zumindest in dieser Saison plötzlich arbeitslos gewesen, wobei viele von ihnen andere lukrative Jobs ausgeschlagen haben, wie zum Beispiel Lakpa Gelbu. Volle drei Monate hätte er bei mir arbeiten oder als Shirdar auf Expedition zum Makalu gehen können. Doch nach endlosen Diskussionen mit den Chinesen, die wohl Druck auf Nepal ausübten, gab es nun doch einen Kompromiß. Offensichtlich haben die großen Agenturen schon eine gewisse Macht. Ab 10. Mai darf der Berg von der nepalesischen Seite bestiegen werden. Die tibetische Seite bleibt aber gesperrt. Daraufhin setzte ein gigantischer Seitenwechsel ein. Eine große Zahl von Bergsteigern mit ihren Sherpas und ein gewaltiger Waren- und Materialstrom wälzt sich nun zusätzlich den Weg durch das Khumbu zum Everest-Basislager hinauf. Die unglaubliche Menge von 60 Expeditionen soll sich dieses Jahr durch die Nadelöhre der Route drängen, doppelt soviel wie sonst!

Fast im Gänsemarsch sind uns auf dem Rückmarsch nach Lukla in den letzten Märztagen hunderte von Lastenträgern entgegengekommen.

Wir haben dieses Drama hautnah mitbekommen. Einmal, weil wir in dieser Zeit im Khumbu vielen wartenden Climbing-Sherpas begegnet sind und mit ihnen gesprochen haben. Zum anderen, weil ein Freund in diesem Jahr mit Asian Trekking, einer großen nepalesischen Agentur, zur tibetischen Seite des Everest wollte. Seine Expedition findet auch statt. Doch ohne ihn. Ich habe gestern mit dem Expeditionsleiter und Chef von Asian Trekking gesprochen. Wahrscheinlich sind die Umstände und die nun deutlichen höheren Kosten Grund genug, auf diese Besteigung zu verzichten. Doch seine vorausgeschickten Expeditionstonnen sind schon hier und die wertvolle Ausrüstung muß nun irgendwie zurück nach Deutschland. Wir werden versuchen, zu helfen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie furchtbar diese Situation für jemanden sein muß, der sich womöglich jahrelang auf diese Expedition vorbereitet und gefreut hat.

Bei mir steht nun wieder ein Wechsel bevor. Meine Gäste fahren nach Hause. Wieder ist ein wenig Wehmut dabei, diesmal vielleicht sogar etwas mehr, denn ich hatte das Glück, in den letzten Wochen eine sehr starke, "pflegeleichte" und sympathische Gruppe zu führen. Alle haben sich ausgesprochen gut verstanden, es wurde selten soviel gelacht. Für mich war diese Tour ein regelrechtes Vergnügen, auch, weil diesmal immerhin drei von den geplanten vier Gästen auf dem Gipfel des Island Peaks standen. Außerdem war gerade diese Besteigung auch ein Jubiläum für mich, denn ich stand zum 20. Mal auf dem höchsten Punkt dieses Sechstausenders.

Ich bedanke mich bei Euch, für die gute gemeinsame Zeit, wünsche Euch allen einen guten Heimweg und hoffe, daß wir uns bald wieder sehen! Vielleicht auf der schon angesprochenen gemeinsamen Tour über die Khumbu-Pässe?

Und nun ist Expeditionszeit. Die News folgen ab jetzt in kürzeren Abständen, wenn die Technik mitspielt. Es lohnt sich also hereinzuschauen!!