Gestern hatten wir den wahrlich unvermeidlichen Termin mit Frau Hawley. Ich stand, vom Flughafen kommend, kaum in der Lobby unseres Hotels, da teilte man mir mit, dass die 84 jährige Dame soeben angerufen hätte, und ich möchte doch sofort zurückrufen. Wenige Stunden später saßen wir dann im Garten, und sie fragte uns aus. Tag für Tag unseres Aufstiegs mussten wir genauestens rekapitulieren. Ich denke, sie war sehr angetan von dem was wir da gemacht hatten. Doch zum Schluß äußerte sie ihre Unzufriedenheit mit dem Namen unseres Berges und tadelte uns dafür. Erstens sei, dies erkenne man ja auf der Karte sofort, unser Gipfel der Amphu Laptsa North und nicht Middle. Und zweitens gäbe es im Hinblick auf die Namen der umstehenden Berge, Imja Tse, Barun Tse, Shar Tse überhaupt nur einen, den wir ihm geben könnten und das sei Chukhung Tse. Gott sei Dank konnten wir Miss Hawley davon überzeugen, dass wir nichts mit dem ursprünglichen Namen zu tun hatten. Auch gibt es eine Reihe Berge, die ebenfalls ganz in der Nähe sind und völlig andere Namen haben: Ama Dablam, Num Ri, Cho Polu. Aber die räumliche Nähe mit dem Chukhung-Gletscher und natürlich auch dem Ort legt die Bezeichnung Chukhung Tse tatsächlich nahe. Ich bin sicher, dass sie diesen Namen auch offiziell vorschlagen wird, denn sie steht natürlich in engem Kontakt zu den Leuten im Ministerium. Von dort bezieht sie ja auch ihre Informationen wer wann welchen Berg beantragt hat. Ich jedenfalls bin mit ihrem Vorschlag einverstanden. Es scheint so, dass unser Berg nun einen neuen Namen bekommt!
Wir hatten an unserem Berg wirklich tolles Wetter, aber auf die Dauer konnte einem der ständige Sturm am Grat schon ganz schön zusetzen!
Namen sind Schall und Rauch, doch was wird bleiben? Vera möchte die Geräusche der Expedition gerne in ihrem Gedächtnis konservieren, das ist ihre Passion. Meine ist, Expeditionen zu organisieren und zu leiten. Und mir wird dieses Projekt in Erinnerung bleiben als ein Unternehmen, welches fast schon perfekt ablief. Hatte ich diesmal ein besonderes Rezept, welches ich nun unbedingt konservieren sollte? Das Team arbeitete großartig zusammen, die Strategie und Taktik funktionierte gut, die Ausrüstung war vollständig und ausreichend, es fehlte an nichts, auch von der Zeit her hatten wir genau richtig geplant. Auf den ersten Blick, die perfekte Expedition. Doch ich bilde mir nichts ein. Ich finde, bei dieser Tour sieht man besonders deutlich, wie unglaublich abhängig wir Bergsteiger vom Wetter sind. Hätte es nur drei Tage schlechtes Wetter gegeben, wären wir mit der Zeitplanung in große Schwierigkeiten geraten. Ein paar Zentimeter Schnee und die Geröllhänge unterhalb des Einstiegs in die Route wären nahezu unbegehbar und die unteren Abschnitte der Route lawinengefährlich geworden. Es hätte kein grandioser Wettersturz sein müssen, nur ein paar Tage Schnee, in denen wir an die Zelte gefesselt gewesen wären, und wir hätten den Gipfel nicht erreicht. Doch wir hatten Glück und das gehört beim Bergsteigen nun mal unweigerlich dazu!
Was die Ausrüstung anbelangt, waren wir für alle Eventualitäten gerüstet. Vom Abalakow-Eissanduhrfädler bis zu unseren neun 200 m Seilrollen hatten wir alles dabei.
Die Expedition war also von der Zeit, die uns zur Verfügung stand, auf Kante genäht. Nichts hätte schief gehen dürfen. Alex und ich, die wir hauptsächlich für den Vortrieb der Route verantwortlich waren, konnten sich keinen einzigen Tag Pause im Hochlager gönnen. Schlechtes Wetter hätten wir nicht aussitzen können. Höchstens ein oder zwei Tage Reserve! Das ist zu knapp. Doch davon mal abgesehen lief alles andere bestens. Das also, was wir hier suchten, haben wir auch finden können: Große Erlebnisse gemeinsam mit Freunden gekrönt von einem Gipfelerfolg an einem wunderschönen noch nie zuvor bestiegenen Berg! Wirklich ein schönes Abenteuer. Doch jetzt ist es vorbei, und ich freue mich auf Patagonien!
Schon in ein paar Wochen werde ich die ersten Vorbereitungstouren in den Alpen starten. Für den Fitz Roy müssen wir viel klettern. Darüber werde ich natürlich auch ganz aktuell an dieser Stelle berichten. Weiter hier vorbei zu schauen, lohnt sich deshalb auch in Zukunft.
Bis bald also Ihr Olaf Rieck
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