Wenn Sie demnächst über ein
Häufchen stolpern - es könnte von Axel Guhlmann sein. Der
Leipziger Künstler und Schöpfer der
"Installation Paulinerkirche" fegt an urbanen Unorten
namenlosen grauen Staub zusammen, schichtet
Kegel auf und fotografiert die Drecksarbeit.
Zum einen ist Kehren Meditation für ihn.
Zum anderen freut sich Guhlmann, damit dem
Kommerz ein Schnippchen zu
schlagen.
"Angefangen habe ich damit vor zwei
Jahren", erzählt Axel Guhlmann. "Ich laufe viel herum,
und wenn ich an einer passenden Stelle stehe, dann
spüre ich das." Schauplätze für Guhlmanns
Meditationen sind urbane Standorte, "Stellen,
die nicht mehr benutzt werden, weil sich Städte
über die Jahre verändern". Dabei
sind die Plätze durchaus präsent. Nur kaum jemand betritt sie.
Wie etwa die Strecke, wo sich die
Eisenbahnbrücke über die Berliner Straße schwingt:
"Hier
zwischen den Pfeilern habe ich im Juni zwei Tage
lang gekehrt", sagt Guhlmann. Das Ergebnis
seiner nicht ganz ungefährlichen
Tätigkeit: regelmäßig angeordnete Staubkegel, die bis
heute
dem Sog der vorbeirasenden Autos trotzen.
"Für mich sind diese Formen Symbol für die
Sehnsucht nach Ruhe und Besinnung", so ihr
Schöpfer. "Vielleicht steht ja jemand im Stau,
sieht den Staubhaufen und erfreut sich an seiner
Schönheit", hofft er. "Ob er wahrgenommen
wird oder nicht, ist zweitrangig. Wichtig ist,
dass er überhaupt da ist. Eine Stadt braucht so
was", glaubt Guhlmann.
Auch der Haufen im Gasometer
in der Richard-Lehmann-Straße - zusammengekehrt einen Tag
vor dem "Pax"-Ballett im Juni - hielt
die Zeit an, machte sie sichtbar: "Da kamen schon die
ersten Leute, um Leitungen zu verlegen",
erinnert sich Guhlmann. "Doch nach kurzer Debatte
ließen sie mich erst fegen." Diese
Momente genießt der Leipziger: "Keiner erwartet so was.
Niemand rechnet damit, dass sich jemand ohne
Auftrag eine solche Mühe macht." Für heikle
Orte hat er sogar eine orangefarbene Weste der
Stadtreinigung sowie eine Genehmigung parat.
Außer Besenstielen, Schaufeln und Eimer ging
bisher nichts entzwei. Nur die Kamera ist
inzwischen versandet.
Oft passiert es nicht, dass der
Straßenkehrer Passanten trifft. Wenn sich aber jemand an den
Tatort verirrt, gibt er sich in der Regel bald
zufrieden mit Guhlmanns Auskunft, was er da so
treibt. "Selbst zwei Skinheads, die mal auf
mich zukamen, trollten sich nach einer Weile. Sogar
ihre Bullterrier haben die an die Leine
genommen."
Gut 50 Meditationsobjekte hat Guhlmann inzwischen
bundesweit zusammengekehrt und in
großformatigen Bildern fest gehalten, um die
Intention zu übertragen. Eines Tages könnte
daraus sogar ein Fotobuch werden. Besen
unterschiedlicher Gradation schwang der Leipziger
nicht nur im Reudnitzer Straßenbahnhof, in
der Brauerei Lützschena und im Westbad, immer
öfter wischt er auch außerhalb Staub.
Eine Generatorenhalle in Naumburg erschien ihm
genauso geeignet wie ein Zugang zum Schlachthof
Lübeck. Der gehöre auch zu der berühmten
Stadt, habe aber nicht das Geringste mit der
herkömmlichen Sicht zu tun.
Auch wenn sich Guhlmann schon länger mit
Orten und natürlichen Räumen beschäftigt:
Als traditionelle Kunst will er diese Arbeit nicht
verstanden wissen. Und seine Brötchen
verdient er vorerst weiter mit Grafiken. Aber das
Meditieren schätzt er schon. Denn der
Kehraus macht den Kopf frei. Vielleicht auch bei
denen, die über seine Häufchen stolpern...
Quelle: Leipziger
Volkszeitung vom 11. August 2000