Das Amt des Chor-Präfekten ist Auszeichnung und Her-
ausforderung zugleich:
Die jungen Männer brauchen nicht nur fachliches Können, sondern auch ein gewisses erzieherisches Talent, denn neben anderen organisatorischen Aufgaben leiten sie einzelne Chorproben und dirigieren ab und zu sogar schon einmal in der Thomaskirche.
Nach der Schule und der intensiv genutzten Hausaufgabenzeit geht es im Alumnat bis zum Abendessen vorrangig um Musik. Die Unterrichts- und Probenräume sind stark frequentiert: wöchentlicher Einzelunterricht in Stimmbildung und Instrumentalspiel, regelmäßige Übungsstunden auf dem gewählten Instrument und als Schwerpunkt des Tages die Chorprobe.
Bevor der Thomanerchor im Probensaal zusammenkommt, finden gewöhnlich Stimmgruppenproben unter der Leitung des Assistenten oder eines Präfekten statt, da der Thomaskantor nicht überall gleichzeitig sein kann. Er ist bereits im Probesaal und übt intensiv mit einer kleineren Sängergruppe. Um ein homogenes Klangbild zu erreichen, muss auf vieles geachtet werden, jede Nuance sollte stimmen. Die Sänger werden darin geschult, vom Blatt zu singen, den Rhythmus zu beachten und dabei noch zum Dirigenten zu schauen, denn Einsätze, Phrasierungen und Dynamik - das alles ist wichtig, um dem Charakter eines Stückes gerecht zu werden.
Nach und nach gesellen sich die anderen Jungen zur Gesamtprobe dazu. Sie öffnen die Tür zum Probesaal möglichst leise, jedes überflüssige Geräusch wird vermieden. Wer gerade nicht singt, nutzt die kurze Zeit zur Entspannung. Oder er liest die Noten mit, die der Sammelultimus ausgegeben und verteilt hat. Auch wenn einzelne Stellen mehrmals wiederholt werden müssen, bemühen sich die Thomaner, den Klangvorstellungen des Thomaskantors gerecht zu werden.
Bereits durch diese kleinen Einblicke in den Choralltag wird offensichtlich: Res severa est verum gaudium. ? Wahre Freude ist eine ernste Sache.